Wenn man in Kampala unterhalb des Königspalastes an einem Rondell lang fährt, dann sieht man einen alten Mann, der mitten auf der Straße zwischen den Autos und den Motorradtaxis mit einem „Handbesen“ aus Gräsern die Straße fegt. Und das macht er nach eigener Aussage seit über 20 Jahren. Die Menschen in Kampala kennen den alten Mann. Er gehört an dieser Stelle mit zum Straßenbild. Leicht gebückt steht er dort Tag für Tag und fegt.
Joseph und die Liebe zu seinem König
Mich wundert es, als ich ihn das erste Mal entdecke. Ich gehe hin, stelle mich auf der Stammessprache Luganda vor und frage nach seinem Namen. Joseph heißt er. 81 Jahre ist er alt. Er grinst mich an, sieht aber leicht skeptisch und verwirrt aus. Wir stehen mitten auf der Straße. Joseph weiß nicht, was ich von ihm will. Eine Weiße, die ihn auf Luganda begrüßt und mehr wissen will. Er kann es nicht einordnen. Ich erkläre ihm auf Englisch, dass ich eine deutsche Journalistin bin, die einen Blog über Uganda macht und gerne mehr über ihn erfahren möchte. Mein ugandischer Bruder kommt dazu und wiederholt meine Worte auf Luganda. Joseph scheint seine Skepsis zu verlieren. Wir gehen zum Bürgersteig. Dort erzählt er mir von sich.
Seit 1995, erzählt Joseph, steht er jeden Tag hier. Morgens gegen 6.30 Uhr fängt er an zu fegen, also dann, wenn die Sonne aufgeht. Und abends, wenn die Sonne untergeht, erst dann macht er sich wieder auf den Weg nach Hause. Warum er das mache? Ganz einfach: Er möchte, dass die Straße für den König sauber ist. Wenn der König vorbeifährt und es wäre viel Staub, Dreck und Müll da, das würde doch schrecklich aussehen. Und es würde auch keinen guten Eindruck hinterlassen – nicht nur beim König, sondern auch, wenn Besucher aus anderen Königreichen und Stämmen auf der Straße vorbeifahren würden.
Der König der Baganda wird von seinem Volk verehrt

Der König von Buganda: Kabaka Ronald Muwenda Mutebi II
Uganda hat bis heute noch fünf Königreiche, Buganda ist eines davon. Kabaka (übersetzt: König) Ronald Muwenda Mutebi II vertritt den zahlenmäßig größten Volksstamm der Baganda. Er ist am 13. April 1955 in Mmengo geboren.
Sein Vater war Sir Edward Frederick Walugembe Mutesa II. Er war der 35. König von Buganda und der erste Präsident von Uganda. Im Mai 1966 gab es einen Putsch. Der damalige Premierminister Milton Obote ernannte sich selbst zum Präsidenten. Mutesa wurde ins Exil nach England geschickt. Dort starb er 1969 unter mysteriösen Umständen in seiner Londoner Wohnung an einer Alkoholvergiftung. Die Polizei ging damals von Selbstmord aus. Seine Anhänger glauben bis heute, dass Obote seine Hände im Spiel hatte.
Kabaka Ronald Muwenda Mutebi II erhielt eine ausgezeichnete Schulbildung. Unter anderem studierte er an der Universität in Cambridge Jura. 1986 kehrte er aus dem Exil nach Uganda zurück. Seit dem 31. Juli 1993 ist er der König von Buganda. Er gilt als gerecht.
Kabaka Ronald Muwenda Mutebi II wird von seinem Volk sehr verehrt. Das Ausmaß ist mir fremd: Einige Ugander, darunter auch Joseph, erzählen mir unabhängig voneinander, dass sich Menschen auf die Straße legen, wenn der Kabaka kommt. Er steigt dann von einem Körper zum nächsten. Seine Untertanen wollen einfach nicht, dass er mit den Füßen den Boden berühren muss.
Auch, wenn die Könige in Uganda getrennt von der Politik agieren, so ist ihr Einfluss nicht zu unterschätzen. Der König hat durchaus die Macht sein Volk, die Baganda, in kürzester Zeit zu mobilisieren. Was er sagt, das wird geglaubt und getan. Darum war Präsident Yoweri Museveni „not amused“, als der Kabaka vor der Wahl im Februar 2016 zu seinem Volk sagte, dass sie wählen sollen, wen sie wollen. Er würde ihnen keine Vorgaben machen. Normalerweise besteht der Präsident darauf von den Königen unterstützt zu werden. Diese Situation hat das Verhältnis zwischen König und Präsidenten nicht unbedingt verbessert.
Meine Kinder sagen, dass ich spinne
Joseph fegt den ganzen Tag, Jahr für Jahr. Ich frage ihn, wie er denn seinen Lebensunterhalt verdient, wenn er doch jeden Tag von morgens bis abends die Straße säubert. Er sagt mir, dass das kein Problem sei. Es kämen immer wieder Leute vorbei, die ihm etwas zu essen oder zu trinken geben. Hier mal etwas Obst, da ein bisschen Geld. Das würde ihm reichen. Angst vor der Zukunft habe er nicht. Es werde schon weitergehen. Ich bewundere seine Zuversicht. Das ist etwas, was in unserer Gesellschaft nicht an der Tagesordnung ist.
Nach seinem Zuhause frage ich nicht. Es erscheint mir in dem Moment unhöflich. Ich gehe davon aus, dass er in den Slums wohnt und darum keine Miete zahlt.
Ich frage den alten Mann noch, was denn seine Kinder dazu sagen, dass er fegt. Er grinst breit über das ganze Gesicht. Vier Kinder habe er. „Die sagen, ich spinne und soll sofort damit aufhören“, lacht Joseph laut los. Seine Falten um die Augen beweisen, dass hier ein alter Mann vor mir steht. Sein wacher Blick und die höfliche Art lassen ihn jugendlich wirken. Er denke aber nicht daran aufzuhören.
Ob der König schon mal angehalten oder mit ihm gesprochen hat, möchte ich noch wissen. „Oh, ja!“, antwortet er. Bereits vier Mal habe der Kabaka sich mit ihm unterhalten. So über dies und das. Er ist stolz. In über 20 Jahren hat der König vier Mal mit diesem Mann gesprochen – und für Joseph gibt es offenbar keine schönere Bestätigung, dass er genau das Richtige tut. Ich bedanke mich bei ihm auf Luganda und gebe ihm etwas Geld. Für mich sind es umgerechnet etwa fünf Euro. Ich weiß, dass Joseph davon aber einige Tage leben kann. Ich gebe ihm das Geld dafür, dass er sich die Zeit genommen hat. Und dafür, dass er von mir kein Geld für das Interview verlangt hat. Denn dann hätte ich auf dieses Gespräch verzichtet.
So lange Joseph lebt, will er die Straße für den König fegen. Für Europäer sicherlich unverständlich. Wer von uns kann sich vorstellen über 20 Jahre umsonst zu arbeiten und Tag für Tag zu hoffen, dass ihm Leute etwas zu essen bringen. Aber, was Joseph vielen von uns voraus hat: Er ist in seinem Leben vollkommen zufrieden mit sich und der Welt und hat eine Arbeit, die er liebt und als sinnvoll erachtet… egal was andere sagen.

Der 81-jährige Joseph glücklich bei seiner Arbeit