Ich hätte an diesem speziellen Tag, damals im November vor zwei Jahren, nie gedacht, dass in Uganda irgendwann ein Mädchen auf die Welt kommt, das Uta heißen wird – nach mir benannt. Andere Menschen bekommen selbst Kinder und „geben ihr Fleisch und Blut“ weiter. Ich habe keine Kinder, aber mein Name wird weiterleben. Ich fühle mich sehr geehrt. Die ganze Geschichte ist aber noch viel umfangreicher. Sie handelt von Liebe, Schmerz, Scham, Trauer, Hoffnung und Freundschaft! Und erst dann kam die kleine Uta auf die Welt…
Zur Information: Ich habe Savanna (die Mutter der kleinen Uta) gefragt, ob ich unsere Geschichte aufschreiben und auch Fotos zeigen darf. Sie hat das mit ihrem Mann besprochen und mir ihre Erlaubnis gegeben. Ich danke den beiden für ihr Vertrauen.
Das erste Treffen am Flughafen in Entebbe

Manchmal geht Freundschaft ganz schnell
Bei einem meiner Aufenthalte holte mich mein ugandischer Bruder Akim vom Flughafen ab. Es war durchaus üblich, dass er noch jemanden mitbrachte. Das kannte ich schon. Manchmal war es jemand aus der Familie, in diesem Fall eine Freundin, die ihm und seinem Bruder ab und zu im Büro half. „I´m Savanna!“, stellte sich die sehr große, sehr hübsche Frau vor. Ihr Lachen war offen. Sie hatte schöne, weiße Zähne. Die geflochtenen Zöpfe gingen bis zum Rücken. Sie trug ein Jeans-Hemd und einen Jeans-Hut schräg auf dem Kopf. Dazu eine dunkle Leggins. Ihr Gang war stolz. Eine wunderschöne Frau. Das dachte ich damals. Und das denke ich heute immer noch.

Der Tisch mit den Köstlichkeiten
Wir kamen im Auto ins Gespräch. Es war ein höflicher Austausch über die Familie, den Beruf, die späteren Träume. Savanna ging in dem Moment noch zur Uni und stand kurz vor ihrem Abschluss. Es ist nicht einfach für Frauen anschließend eine Anstellung zu finden, auch darüber tauschten wir uns aus.
In den folgenden Tagen sahen Savanna und ich uns immer mal wieder. Wir lachten, hatten Spaß. Kurz vor Ende der Reise lud sie uns zu ihrer Familie zum Essen ein. In ihrer Familie waren noch nie Weiße zu Besuch. Savannas Verwandte waren sehr aufgeregt. Wenn ich von Familie rede, dann sind das rund zehn Schwestern, Cousinen und die Tante. Savanna wuchs bei ihrer Tante auf. Zu den Hintergründen komme ich noch.
Es wurde ordentlich aufgetischt: Erbsen, Matoke (Brei aus Kochbananen), Kartoffeln, Melonen, Reis, Avocados, Hühnchen, Erdnusssauce, Kürbis, dazu selbstgemachte Säfte – der Tisch war reichlich gedeckt.
Savanna verrät mir ihr Geheimnis
Nach dem Essen saßen wir in der Nähe des Hauses auf einem Stein am Wegesrand. Die Sonne schien. Ich malte mit dem Zeh etwas in den Staub der roten Lehmstraße. Wir waren im Gespräch vertieft, als mein Blick auf ihren nackten Fuß fiel. Es waren tiefe Narben zu erkennen. Ich schaute sie verwundert an und fragte, was da passiert sei. Diese Narben waren mir vorher nicht aufgefallen. Sie hörte auf zu sprechen und senkte den Blick.
Nach einer Weile hob sie den Kopf. Ihre Augen waren traurig. Dann erzählte sie mir ihre Geschichte – kurz und knapp: „Mein Vater hatte damals, als ich klein war, eine Geliebte. Er wollte zurück zu uns und zu meiner Mutter. Die Frau war sehr verletzt und traurig. Darum hat sie einen Topf mit Wasser heiß gemacht. Mit dem kochenden Wasser ist sie zu uns gekommen, hat an die Tür geklopft. Meine Mutter hat aufgemacht. Sie hatte mich damals auf dem Arm. Ich war acht Monate alt. Und die Frau hat mir das kochende Wasser über die Beine gegossen!“
Ich sehe die Tränen auf Savannas Gesicht. Ich nehme sie in den Arm. So bleiben wir eine ganze Weile sitzen.
Das Leben eines Kindes in Uganda mit Narben an den Beinen
Savanna erzählte mir von ihrer Kindheit. Sie erzählte von den Hänseleien der anderen Kinder. Dass sie so hässlich sei, riefen sie ihr hinterher. So lange, bis sie selbst es auch glaubte. Sie traute sich irgendwann nicht mehr im Röckchen auf die Straße zu gehen. Bis heute habe ich sie im Alltag nie mit einer kurzen Hose oder einem Rock gesehen. Sie trägt grundsätzlich Leggins, damit man ihre Beine nicht sieht.
Savannas Mutter starb jung. Savanna ist bis heute partout nicht davon abzubringen, dass sie eine Mitschuld daran trägt. Ihre Beine, die Anstrengungen, dass die Narben immer wieder behandelt werden mussten, das sei zu viel für ihre Mutter gewesen: „Sie hat sich so große Sorgen meinetwegen gemacht. Ich habe ihr Herz gebrochen!“
Nach dem Tod der Mutter wuchs Savanna bei ihrer Tante auf. Der Kontakt zum Vater ist nicht sehr gut.
Zum Teil bekam Savanna später Jobs als Model angeboten. Diese Jobs platzten aber, als sie den Auftraggebern sagte, dass sie nur lang tragen könne.
Können Narben übertätowiert werden?
Als wir da auf dem Stein saßen, versuchte ich mich an ein Gespräch zu erinnern, das ich mit einer lieben Freundin in Deutschland hatte. Es war noch gar nicht lange her. Vielleicht zwei bis drei Monate. Meine Freundin Janine Schrick ist Tätowiererin und wir unterhielten uns damals bei einem Spaziergang über Frauen, die durch beispielsweise Brände oder Autounfälle entstellt seien. Früher hieß es immer, dass man auf Narben nicht tätowieren darf. Diese Ansicht sei aber überholt, erklärte mir Janine damals.
Da saß ich nun in Uganda. In meinen Armen die weinende Savanna. Ich hob ihren Kopf und sagte: „Pass auf, Savanna. Ich möchte, dass Du mir ganz genau zuhörst. Ich kann Dir nichts, wirklich gar nichts versprechen. Aber ich glaube, dass man diese Narben vielleicht mit Tattoos covern kann. Ich habe eine Freundin, die tätowiert. Die frage ich. Aber, bitte, mach Dir nicht zu große Hoffnung. Ich kann nichts versprechen! Gar nichts!“
Aus Hoffnung werden Pläne
Ich habe vor meinem Abflug Savannas Beine abfotografiert, damit Janine sich ein Bild von den Narben machen konnte. Savanna und ich gingen dazu in einen Nebenraum. Nur wir zwei. Und trotzdem hielt sich Savanna die ganze Zeit mit der Hand die Augen zu. Ich fragte, ob sie okay sei. Ihre Antwort: „Ja, aber ich schäme mich so sehr!“ Ich beeilte mich mit den Fotos. (Anmerkung: Ich werde hier kein Bild davon hochladen, weil ich weiß, wie sehr sich Savanna schämen würde. Das ist kein Blog-Beitrag der Welt wert!)
Zurück in Deutschland zeigte ich Janine die Fotos. Und die reagierte sehr optimistisch: „Das kriegen wir hin!“.
Janine und ich sprachen darüber, wie viele Sitzungen es dauern könnte und rechneten uns aus, dass Savanna etwa vier Wochen in Deutschland bleiben müsste. Zwischendurch muss die Haut sich etwas regenerieren, bis sie weiter „bemalt“ wird.
Mit diesen guten Nachrichten im Gepäck suchte ich Savanna bei meiner nächsten Uganda-Reise wieder auf. Ich erzählte ihr von Janine und dem, was sie gesagt hatte. Ich sagte Savanna, dass sie jetzt eine Aufgabe habe: Sie müsse das Geld für den Flug zusammen bekommen. Das könne ich nicht übernehmen. Aber in Deutschland könne sie bei mir wohnen, die ganze Zeit, bei mir essen und das mit der Tätowierung, da waren Janine und ich uns schnell einig, das regelten wir unter uns. Dafür müsse Savanna nichts bezahlen.
Als Savanna meine Worte hörte, liefen ihr wieder Tränen die Wange runter. Sie riss die Arme in Richtung Himmel: „Wenn ich in diesem Leben jemals ein Mädchen bekommen sollte, dann nenne ich es Uta. Das schwöre ich bei Gott!“
Ich fasste es damals als Kompliment auf. Ich dachte aber nicht daran, dass sie es in die Tat umsetzen würde.
Die kleine Uta war schneller

Eine Woche vor der Geburt der kleinen Uta. Ich bin sehr froh, dass ich sie noch schwanger gesehen habe
Im Februar 2017 war geplant, dass Savanna nach Deutschland kommt, um sich die Narben an den Beinen übertätowieren zu lassen. Weil sie Schmetterlinge so heiß und innig liebt, möchte sie alles voller bunter Schmetterlinge haben.
Im Oktober, ich kann gar nicht mehr sagen, ob wir telefoniert oder gechattet haben, da druckste sie herum. Es lag ihr spürbar etwas auf der Seele. Ihre Worte: Ich solle ihr nicht böse sein! Nein, natürlich nicht. Warum denn auch? Und dann offenbarte sie mir, dass sie schwanger sei. Mittlerweile schon im fünften Monat.
Alleine die Tatsache, dass ich böse sein könnte, brachte mich zum Lachen. Wenn sie glücklich ist, dann bin ich es als Freundin auch. Nur, das sagte ich ihr, während der Schwangerschaft soll sie sich nicht tätowieren lassen. Das ist nicht gut. Aber das Angebot bleibt selbstverständlich bestehen!!
Ich konnte den Stein spüren, der ihr vom Herze fiel.
An ihre Prophezeiung dachte ich schon nicht mehr. Ich fragte sie aus, wie sie sich fühle, ob ihr schlecht sei, wie die Familie reagiert habe. Und dann kam ich auch zu der Frage: „Wisst ihr schon was es wird?“ „Ja, ein Mädchen!“ „Oh, super! Verratet ihr den Namen vorher?“ „Ja – Christal Uta Muhoya!“
Da habe ich geweint.
Christal Uta Muhoya ist am 24. Februar 2017 um acht Uhr im St. Francis Nsambya Hospital in Kampala geboren.
Sie ist eine kleine Schönheit – wie ihre Mutter!!