Eigentlich fangen Märchen ja mit „Es war einmal…“ an. In diesem Fall beginne ich mit den Worten „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort…“ und weiter geht es mit „… zeitgleich das Herz am richtigen Fleck, Musik im Blut und keine Angst vor dem Schicksal“. Vielleicht ist die Geschichte der Musikerin Deena, die eigentlich Sabrina Herr heißt, so am besten zusammengefasst.
In Uganda ist Deena ein gefeierter Popstar. Hier in Deutschland hat die Studentin dafür ihr Studium unterbrochen, um sich ganz auf ihre Musikkarriere einzulassen. Im ugandischen Radio wird sie rauf und runter gespielt. Sie hat Fernsehauftritte und füllt ganze Stadien. Sie habe schon vor 50.000 Leuten gespielt, erzählt sie. Die junge Künstlerin verzaubert mit ihrer Musik. Und – das ist wirklich ungewöhnlich, nicht nur für die Ugander – sie singt in der Stammessprache Luganda.
Deena wird auf einer Kneipenbühne entdeckt
Auf ihre persönliche Geschichte möchte ich nur kurz eingehen. Sie ist schon so oft veröffentlicht worden, dass ich das nur zusammenfasse.
Sabrina Herr macht 2012 ein soziales Jahr in Ruanda. Dort arbeitet sie mit Straßenkindern. Damals ist sie 19 Jahre alt. Nach dem sozialen Jahr reist sie noch etwas und landet im Nachbarland Uganda. Einen Abend verbringt sie mit Freunden in einer Kneipe in der Hauptstadt Kampala. Auf einer kleinen Bühne wird Musik gemacht. Irgendwann geht auch sie an dem Abend auf diese Bühne und singt ein Lied auf Suaheli, das sie in Ruanda gelernt hat. Ihr heutiger Musikmanager Faizel hört sie und spricht sie an. Sie bleiben in Kontakt. Ende 2014 kommt Deena erneut nach Uganda. Sie verabredet sich mit Faizel. Er fragt Deena, ob sie auch in der Stammessprache Luganda singen könne. Das ist der Anfang ihrer Musikkarriere in Uganda!
Sozialarbeiterin oder Popstar – das ist hier die Frage
Es kann gut sein, dass Sabrina Herr irgendwann ihr Studium in Berlin fertig macht und als Sozialarbeiterin arbeitet. Zwei Semester fehlen ihr noch bis zum Abschluss. Aber momentan vertraut die junge Frau auf ihr Schicksal und gibt sich ganz der Musik hin. Und in ihrem Leben spielt die Musik eben in Uganda.
Mittlerweile lebt sie in Uganda. In einem Stadtteil von Kampala hat Deena ein großes Haus gemietet. Als ich im Oktober 2016 zu ihr zum Interview komme, bin ich von der Größe ihres Heims überrascht. Das Haus hat rund zehn Zimmer, eine große Küche, mehrere Badezimmer und ein großes Wohnzimmer. Vor dem Haus ist eine große Veranda aus Stein, Treppen führen runter zu einer kleinen Grasfläche. Dort sitzen und liegen junge Ugander und unterhalten sich oder ruhen sich aus. Deena erklärt mir, dass sie ungern alleine wohnt. Darum hat sie so ein großes Haus gemietet, bewohnt aber selbst nur ein Zimmer. Den Rest vermietet sie an Touristen und Freunde.
Das Leben in Uganda

Deena auf der Treppe ihres Hauses. Das Leben in Uganda macht sie glücklich
Wir reden über ihr Leben in Ostafrika. Zu Beginn fand sie in Uganda alles toll, sagt Deena. „Ich habe nichts Negatives gesehen. Das ging bestimmt ein halbes Jahr so.“
Anfangs lebt sie eher dörflich. Irgendwann nimmt die heute 23-Jährige auch andere Seiten wahr. Sie erzählt davon, dass sie auch nach vielen Wochen noch „Muzungu“ gerufen wird, was „Weiße“ bedeutet. „Wenn man dem Nachbarkind zum 2000. Mal erklärt, dass man nicht Muzungu, sondern Sabrina heißt, und die immer noch Muzungu rufen, dann denkt man sich so ggggrrrhhhh“. Sie lacht dabei.
Aber ein Kulturschock sei ausgeblieben. Sie führt das auf ihre positive Grundeinstellung zurück. „Wenn man negative Aspekte sucht, wird man sie finden. Wenn man Fehler sucht, wird man sie finden. Und diese negativen Sachen hatte ich von Anfang an nicht, darum habe ich sie auch nicht gefunden.“ Und Deena erzählt weiter, dass ihre Eltern sie bestens auf die große weite Welt vorbereitet haben. „Ich bin von Zuhause auf sehr bodenständig aufgewachsen. Und ich habe immer gelernt von meinem Papa: Nimm was Du bekommst und meckere nicht rum! Das habe ich hier in Uganda gemacht und damit bin ich unglaublich gut zurechtgekommen. Ohne es zu werten: Auf beiden Seiten, in Deutschland und Uganda, laufen Dinge gut, andere schlecht. Das ist eben so!“
Eine junge Frau, die weiß was sie will
In Uganda ist Sabrina Herr ein Popstar. Ihre Lieder werden im Radio gespielt, sie tritt im Fernsehen auf. Es ist ungewöhnlich, dass eine Weiße eine Musikkarriere in Uganda startet. Und es ist für die Ugander noch ungewöhnlicher, dass sie auf Luganda singt, die Stammessprache der Baganda. Anfangs sei das Publikum zeitweise in eine Art Schockstarre verfallen, weil sie es nicht glauben konnten, erzählt Sabrina Herr. „Ich finde, dass Luganda tatsächlich einer der schwersten Sprachen in Ostafrika ist, weil die Aussprache so unglaublich kompliziert ist.“ Sie selbst übt Luganda mit Wörterbüchern. Ein Vokabel nach der anderen. Wort für Wort. Und dann bestehe das Geheimnis darin sie einfach zu sprechen, verrät Deena.
Wenn ich mich mit Ugandern über die Musikerin unterhalte, dann erzählen mir die Menschen, dass Deena ohne hörbaren Akzent Luganda singen würde. Sabrina Herr hört dieses Kompliment nicht zum ersten Mal.
Mittlerweile wird sie als ugandische Künstlerin akzeptiert – sowohl von ihren Fans als auch von den Medien. Sie ist davon überzeugt, dass einige Medien anfangs voreingenommen waren. „Viele haben wohl gedacht, dass ich das doch nicht so richtig machen möchte. So ein, zwei, drei Songs und dann verschwinde ich wieder. Jetzt haben sie aber gemerkt: sie verschwindet doch nicht“, lacht sie offen.
Ausgerechnet deutschen Medien blamieren sich
„In Uganda in den Medien zu sein, das ist sehr angenehm. Ich werde hier als Künstlerin ernst genommen. Es geht um meine Musik. Es geht auch ein bisschen um mein Privatleben, das ist ja alles normal. Dann haben wir uns gedacht, es ist ja auch schön das alles in die deutschen Medien zu bringen und da war ich nach einer relativ kurzen Zeit ziemlich frustriert. Weil ich gemerkt habe, wie ich gegen eine Wand von Stereotypen, gegen eine Wand von Unwissenheit und gegen eine Wand von Arroganz geprallt bin!“
Als Deena mir davon erzählt, wirkt sie wütend. Sie hat etliche Beispiele, wie es nicht laufen sollte. In einer großen, deutschen Fernsehshow sollte bei ihrem Auftritt ein Hintergrund mit südamerikanischen Farben eingespielt werden, weil der zuständige Redakteur die Muster bei seiner Google-Recherche unter „African Print“ gefunden habe. Als sie ihn darauf anspricht, ist er offenbar nicht gewillt den Fehler zu berichtigen. Andere Fernsehteams bitten sie Situationen zu inszenieren und beispielsweise mit Kindern in einem Waisenhaus, die sie gar nicht kennt, „Alle meine Entchen“ zu singen. In einer deutschen Talkshow wird sie gefragt, ob das Leben in Uganda primitiv sei. „Ich musste mich so zurückhalten, um nicht böse zu werden!“
Deena fühlt sich von den deutschen Medien benutzt. Um solche Situationen zu vermeiden, nimmt sie nicht mehr jedes Interview an.
Wie sicher ist es für eine weiße Frau in Uganda
Ich habe mich auf meinen Reisen durch Uganda als Frau immer sicher gefühlt. Da sind wir uns einig. Deena bestätigt: „Es gibt ein paar Regeln, an die man sich halten muss. Man muss jetzt nachts nicht alleine durch ein Ghetto laufen und mit Geldscheinen in der Hand winken. Obwohl ich sogar sagen muss: Ich war nachts in solchen Ecken unterwegs und es ist mir trotzdem nichts passiert“. Sie beschreibt, dass Kampala nicht gefährlicher als Berlin ist. Auch da kann mit etwas Pech immer etwas passieren.
Einen Umgang muss man als weiße Frau mit den Liebesbekundungen der Ugander finden. Mehrere Heiratsanträge am Tag sind durchaus nichts ungewöhnliches, wenn man offensichtlich ohne Partner unterwegs ist. Und Deena kennt solche Situationen: „Die erste Frage ist, wie es mir geht, die zweite, ob ich verheiratet bin. In Deutschland sagt man das nicht, aber hier ist man da einfach direkter.“ Je nach Stimmung mache sie dann einen Scherz oder eben nicht. Man dürfe das nicht so ernst nehmen. Keiner der Männer erwartet in der Situation eine ernsthafte Antwort.
Ich frage Deena, ob sie derzeit in einer Beziehung ist. Sie grinst und sagt „Ja!“. Alles weitere gehe aber keinen etwas an.
Deenas Wunsch: Einmal den Kabaka treffen
In Uganda gibt es noch mehrere Königreiche mit Oberhaupt. Der König der Baganda wird „Kabaka“ genannt. Weitere Informationen dazu gibt es auch in dem Blogartikel „Der Mann, der seinen König liebt“. Auch Deena hat den sehnsüchtigen Wunsch einmal den Kabaka („König“) zu treffen. Das sei ihr ultimatives Ziel, schwärmt sie.
Wohin ihr Weg in Uganda sie führen wird, das kann keiner sagen. Im Moment scheint Deena glücklich und zufrieden. Und das ohne naiv zu sein. „Ich bin sehr kritisch, vor allem sehr selbstkritisch. Und es war ein Prozess so weit weg von Zuhause zu sein, auf einem neuen Kontinent, in einem anderen Land, in einer anderen Kultur. Aber Angst war noch nie ein guter Begleiter und wird es auch nie sein.“
Wahre Worte!